Potsdamer Straße 29

Der Autor, Ralf Hausding, ist in Tiergarten nah am Potsdamer Platz aufgewachsen und erinnert sich gern an seine Kindheit in der Nachkriegszeit. Nach dem Abriss seines Wohnhauses hat es ihn nach Spandau verschlagen. Heute bietet er Stadtrundgänge in Tiergarten an. 

Wer die Potsdamer Straße in Tiergarten-Süd und Schöneberg kennt, weiß vielleicht auch etwas über die Häuser dieser großen Straße zu berichten. Das Haus Huth, Potsdamer Straße 5, ist den meisten Berlinern bekannt. Es ist ja auch das letzte Haus am Potsdamer Platz gewesen und das einzige, was hier noch existiert.

Vielleicht hat jemand auch vom Vox-Haus (Potsdamer Straße 10) gehört, nach dem eine kleine Seitenstraße am neuen Potsdamer Platz benannt ist. Jenem Haus, aus dem im Jahre 1923 der erste öffentliche Rundfunk gesendet wurde.

Dass Vox-Haus mit der langen Brandnauer By Willy Pragher, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36722088

Oder der Bayernhof, Potsdamer Straße 24, jene Großgaststätte, von der noch der schöne St. Georgs-Brunnen in der Wilmersdorfer Straße und die Deckenmosaiken des Minnesängersaals im U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz übriggeblieben sind. Das Rolandhaus, Nr. 31, ist wahrscheinlich den wenigsten noch ein Begriff. Im Restaurant dieses Hauses trat z.B. Claire Waldoff auf.

Mein Wohnhaus, um das es hier gehen soll, ist sicherlich niemandem mehr bekannt. Aber die Geschichte dieses Hauses ist nicht weniger interessant. Verschwunden ist es schon im Jahre 1967, es war den Plänen für die Neue Staatsbibliothek im Wege. Geht man heute vom Marlene-Dietrich-Platz am Wasserbecken in Richtung Landwehrkanal vorbei und schaut in die Lücke zwischen Theater und Bibliothek, kann man sich in etwa den Standort des Hauses vorstellen.

Ich habe die ersten 13 Jahre meines Lebens in diesem Gebäude gewohnt und nicht geahnt, was hier einstmals war. Blicken wir zurück.

Das Gebäude Potsdamer Str. 29 um 1928  © Landesarchiv Berlin, B Rep 202 4519.

Am 6. Januar 1896 wurden die beiden Gebäude Potsdamer Straße 129 und 130 (Nummerierung bis 1938) von der Verkehrsbank zu Berlin an einen Herrn Fritz Flatow, wohnhaft Bülowstraße 20a in Schöneberg, verkauft. Offensichtlich noch im Jahr 1896 wurden die beiden Häuser geräumt und abgerissen. Der Bau eines neuen Wohn- und Geschäftshauses mit Geschäften im Erdgeschoß und vier Etagen mit Wohnungen begann.

Am 30. März 1897 wurde bei der Baupolizei der Antrag auf bautechnische Abnahme des Rohbaus gestellt. Die aus der Bauphase vorliegenden Pläne zeigen in den Obergeschossen großzügige, man kann schon sagen, hochherrschaftliche Wohnungen, wie es für diese Gegend und diese Zeit üblich war. Erst in den folgenden Jahrzehnten änderte sich das Bild und es entstanden überwiegend Büro- und Geschäftsräume. Da das Gebäude als Wohn- und Geschäftshaus geplant wurde, war es sinnvoll, einen Aufzug einzubauen.

Von alldem war mir als Kind nichts bekannt, der Aufzug nach dem Krieg nicht mehr in Betrieb und ich ahnte nicht, dass ich täglich am Schacht des Aufzugs vorbeiging, der sich unsichtbar hinter einer Wand verbarg. Aber weiter mit der Geschichte. Im Laufe der Jahrzehnte wechselten die Mieter, es gab hier im Obergeschoß das Photoatelier Th. Diepenbach, im ersten Stock war der Teppichhändler D.L. Haim. Ein Herr Schmeisser hatte im Eckladen zur Eichhornstraße einen Tabakwarenladen. In der oberen Etage hatte das Schneideratelier Clara Schultz seinen Betrieb, der sich bis in das Dachgeschoss ausdehnte. Zu den Kundinnen gehörte unter anderen die Schauspielerin Fritzi Massary.

Die Fassade des Hauses war der Zeit entsprechend reichlich mit Stuck und Verzierungen gestaltet. In der ersten Etage waren große Panoramafenster angeordnet. Im April 1928 begann die Umgestaltung, die schöne Fassade wurde abgeschlagen und das Haus im Stil der Neuen Sachlichkeit verputzt.

Das Haus Potsdamer Str. 29 mit „moderner“ Fassade im Jahre 1953 © Landesarchiv Berlin, F Rep 290 (1) 0025846.

Auch die Innenräume wurden verändert und ein neuer Mieter zog in die erste Etage, in die bisherigen Räume des Teppichhändlers Haim: Die „Oetker und Persil-Schule“. Sie umfasste eine Dr. Oetker-Lehrküche, in der die Berlinerinnen kostenlos backen lernen konnten. Dazu gehörte ein öffentliches Café, in dem die Torten und Kuchen der Lehrküche angeboten wurden. Ein kleiner Kinosaal für die Präsentation von Lehrfilmen lag hinter dem Café.

Ein weiterer Teil der Etage wurde von der Firma Henkel für die Vorführung ihrer Waschmittel an modernen Waschmaschinen genutzt. Ein Lehrgang in der Oetker und Persil-Schule umfasste mit 45 Teilnehmern 12 Stunden. Das gliederte sich in fünf Stunden für das Erlernen des Wäschewaschens, fünf Stunden für das Backen und Garnieren und zwei Stunden für die Handhabung eines Backautomaten. Bis 1940 blieb das so.

Potsdamer Str. 29 auf dem Stadtplan von 1955 Quelle: https://histomapberlin.de/de/index.html

 

 

 

Die Gegend um diesen Teil der Potsdamer Straße wurde in der NS-Zeit unter Hitler grundlegend umgestaltet. Ein riesiger Kreisverkehr sollte genau an dieser Stelle entstehen. Dazu wurden ab 1939 ganze Straßenzüge abgerissen. Auch mein Wohnhaus sollte der Spitzhacke zum Opfer fallen.

Aber der Krieg änderte das. Die Bauarbeiten wurden um 1941 kriegsbedingt eingestellt. Häuser, die bereits geräumt waren, wurden wieder bezogen, so auch die Nummer 29.

1943 übernahmen dann die alliierten Bomber den weiteren Abriss. Viele Gebäude, die bisher die Pläne der Nationalsozialisten überstanden hatten, wurden nun vernichtet. Die Nummer 29 wurde auch von Bomben getroffen und brannte teilweise aus.

Schon bald nach Kriegsende konnten aber die Geschäfte im Erdgeschoss wieder genutzt werden. Der Ausbau der Obergeschosse dauerte dann bis 1950. Die zerstörte vierte Etage wurde abgetragen und durch einen Dachstuhl ersetzt. Die großen Panoramafenster im ersten Stock verschwanden. Die einst hochherrschaftlichen Wohnungen und Geschäftsräume wurden zu kleinen 1-2 Zimmerwohnungen ausgebaut. Alle mit Ofenheizung, aber immerhin mit Badezimmer. Zwei Aufgänge im Vorderhaus und ein Aufgang im Hinterhaus führten zu den Wohnungen. Wir wohnten im Aufgang 3, also hinten. Die Einzimmerwohnung war relativ groß und für uns unter den zeitlichen Umständen ausreichend. So habe ich es zumindest damals empfunden. Anfang der 1960er Jahre wurde die Teilruine des Rolandhauses abgerissen und unsere Wohnung hatte nun eine Außenwand. Im Winter überzog nun manchmal eine Eisschicht die Wand unseres ungeheizten Korridors.

Im Laufe der Jahre wurden die Pläne für den Bau des Kulturforums konkreter. 1963 war die Philharmonie fertig und der Bau der neuen Potsdamer Straße und der neuen Brücke über den Landwehrkanal begann. Ende 1965 bekamen meine Eltern die Kündigung und vom Wohnungsamt Angebote für eine Ersatzwohnung. In Spandau! Anfang Mai 1966 war es dann soweit, wir zogen ins Falkenhagener Feld. Ein knappes Jahr später folgte dann der Abriss des Hauses Potsdamer Str. 29.

 

Redaktion

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