Starke Frauen im Lützow-Viertel: Der Berliner Frauenclub von 1900 (Teil 2)

Der bürgerliche Flügel der Frauenschaft gründete im Jahr 1899 den Berliner Frauenklub von 1900 unter ihrer ersten Vorsitzenden Alice Salomon (1872 – 1948) (Bild 1), eine jüdische Sozialreformerin, die von 1902 bis 1906 in Berlin Nationalökonomie studierte. Der Frauenklub sollte ein Treffpunkt vor allem für berufstätige Frauen der bürgerlichen Mittelschicht, wie Lehrerinnen, Angestellte, Ärztinnen, Künstlerinnen usw. sein. Der Frauenklub von 1900 grenzte sich mit dieser Zielsetzung vom Deutschen Frauenklub der Marie von Leyden (1844 – 1932) ab, der bereits 1898 gegründet worden war und sich vor allem auf Bildungsfragen konzentrierte; den hatten wir im letzten Beitrag (mittendran vom 10. Januar 2026) vorgestellt.

Bild 1: Alice Salomon, die Gründerin und erste Vorsitzende des Berliner Frauenklubs von 1900 (aus: (1), gemeinfrei).

Der Berliner Frauenklub von 1900

Neben der ersten Vorsitzenden Alice Salomon waren weitere Gründerinnen die Sozialreformerin Josephine Levy-Rathenau (1877 – 1921), eine Cousine des späteren deutschen Außenministers Walter Rathenau, Anna Plothow (1853-1924), Schriftstellerin und erste Journalistin in der Redaktion des Berliner Tageblatts, Henriette Goldschmidt (1825-1920), eine Sozialpädagogin, die 1911 die erste Hochschule für Frauen in Leipzig gründete, und Anna Pappritz (1861-1939), Schriftstellerin und Befürworterin des Abolitionismus (von lateinisch abilitio = Abschaffung), der Abschaffung der Prostitution, ursprünglich auf die Sklaverei bezogen (Bild 2).

Bild 2: Vier Frauenrechtlerinnen der ersten Jahre. Oben: Josephine Levy-Rathenau (links), Anna Plothow; unten: Henriette Goldschmidt (links), Anna Pappritz (aus (1), gemeinfrei)

Erstmals im Berliner Adressbuch findet sich der Berliner Frauenklub von 1900 im Jahr 1900 in der Schellingstraße 5. Ein zeitgenössischer Bericht in einer Illustrierten zeigt den Speisesaal des Clubs (Bild 3) und gibt eine detaillierte Beschreibung: “ Eine Reihe behaglich und geschmackvoll ausgestatteter Zimmer … bieten den alleinstehenden und im Erwerbsleben stehenden Frauen der bürgerlichen Kreise ein freundliches Heim, wo sie sich in zwangloser Weise sehen, ihre Interessen austauschen oder die geschäftlichen Zwischenpausen, die bei den großen Entfernungen nicht immer eine Rückkehr in die eigene Wohnung gestatten, verbringen können. Die Klubräume enthalten ein Konversationszimmer, ein mit einer kleinen Bibliothek und zahlreichen Tages- und Wochenblättern ausgestattetes Lesezimmer, zwei Eßzimmer, ein Ruhe- und ein Empfangszimmer. Die Sorge für die leibliche Verpflegung ist einer Wirtschafterin anvertraut.“ (2).

Bild 3: Das Speisezimmer des Berliner Frauenklubs von 1900 in der Schellingstraße (Foto von 1894, aus (1), gemeinfrei).

Als der Verein im Jahr 1903 in die Potsdamer Straße 125 (jenseits der Potsdamer Brücke, etwa da, wo heute das Ibero-Amerikanische Institut ist) umzog, hat sich diese komfortable Situation sicherlich nicht verschlechtert, und der nächste Umzug im August 1913 in die erste Etage des Hauses Genthiner Straße 13 (heute: 30) brachte wahrscheinlich ein weiteres Mal eine Verbesserung. Vermieterin dieser Immobilie war die Rentiere und Witwe Freifrau Adelheid von Arnim-Fredenwald, deren Gutsbesitz in der Uckermark eine mehrhundertjährige Tradition hatte und deren Tochter Eva (1863 – 1938) eine Berliner Schriftstellerin war, die – vermutlich – ebenfalls dem Frauenklub von 1900 angehörte.

Die Jahresberichte des Vereins zwischen 1912 und 1922 sind bislang nicht aufgefunden und ausgewertet worden, aber im digitalen Deutschen Zeitungsportal (3) und insbesondere in der seit 1904 regelmäßig erscheinenden Freitags-Beilage „Frauen-Rundschau“ der Berliner Tageblatt und Handelszeitung (Bild 4) gab es in den Jahren zwischen 1900 und 1930 mehr als 100 Berichte über die vielfältigen Aktivitäten des Vereins, die Tee-Stunden, Kunst-Ausstellungen, Lesungen, Vorträge zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen, Musik-Veranstaltungen, Gastvorträge anderer Vereine bis hin zu Weihnachtsbasar und Sammlungen für Kriegsopfer des Ersten Weltkriegs reichten; es gab einen Chor des Frauenclubs und eine Jugendorganisation.

Bild 4: Berliner Tageblatt und Handelszeitung vom 30.10.1908, Seite 5.

Einige Beispiele sollen die vielfältigen Aktivitäten des Vereins illustrieren.

Am 17. Oktober 1910 begann die Oberlehrerin und Pädagogin Margarete Treuge (1876 – 1962) eine Vortragsserie über Bürgerkunde (Bild 5) mit Themen wie Staatsverfassung, Bürgerrechte von Frauen, die Frauen in der Politik, das Reichsvereinsgesetz und seine Bedeutung für die Rechte der Frauen, Vereinsordnung, Statuten und die Stellung der Parteien zur Frauenfrage. Erst 1908 war mit einem neuen Vereinsrecht den Frauen ein Engagement in politischen Parteien überhaupt genehmigt worden.

Bild 5: Berliner Tageblatt und Handelszeitung vom 14.10.1910, Seite 17.

Am 21. Januar 1911 rezitierte Marie von Bülow (1874 – 1947), eine deutsch-österreichische Schauspielerin, aus dem Werk „Die streitbaren Apostel“ und anderen Dichtungen der Schriftstellerin Helene Raff (1865 – 1942), die Mitglied des Münchner Frauenclubs war. Im Anschluss an die Veranstaltung schrieben 25 der anwesenden Clubmitglieder eine Postkarte (Bild 6) an Helene Raff mit folgendem Text auf der Rückseite: Der Abend war ein grosser Erfolg vor zieml. 80-100 Hörerinnen –, sowohl für die Dichterin, wie für ihre Interpretin. Louise Marelle, 2. Vorsitzende v. Frauenclub 1900“ (4).

Bild 6: Brief des Berliner Frauenclubs von 1900 an Helene Raff (aus (4), gemeinfrei).

Am 17. Januar 1916 hielt Gustav Landauer (1870 – 1919) im Frauenklub von 1900 den ersten von zehn Vorträgen zum Thema „Himmlische und irdische Liebe in Dichtungen Goethes und der Romantiker“ (Bild 7), wobei er vor allem auf Friedrich Hölderlin (1770 – 1843) abhob; dessen romantisch-verklärende Dichtung „Der Rhein“ war Thema eines Vortrags im März. Seit etwa 1900 war aus dem Anarchisten Landauer, der wegen seiner radikalen sozialistischen Position in den 1880er und 90er Jahren mehrfach verhaftet und wegen Unruhestiftung verurteilt worden war, ein religiöser Pazifist und Mystiker geworden. Im Verlauf des Ersten Weltkriegs wandte er sich wieder dem Sozialismus zu und wurde im Rahmen der räterepublikanischen Aufstände 1919 in München verhaftet und ermordet, ähnlich wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin.

Bild 7: Berliner Tageblatt und Handelszeitung vom 13.1.1916, Seite 2

Der Berliner Frauenklub von 1900 wie auch der Deutsche Frauenklub lösten sich 1930 auf, anders als der Berliner Lyceums-Klub, der auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 weiterbestand. Dazu beim nächsten Mal mehr.

Literatur

  1. Bilder vom Internationalen Frauen-Kongress 1904, redigiert von Eliza Ichenhaeuser. Berlin, Verlag August Scherl 1904.
  2. Die Gartenlaube. Illustriertes Familienblatt“, 1894, Nr. 15, S. 257 (gemeinfrei)
  3. Deutsches Zeitungsportal: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/select/title
  4. Joseph Joachim (1822-1882) und Helene Raff (1865-1942) Nachlass, BSB Raffiana VI. Frauenclub 1900 (Quelle: www.bavarikon.de, gemeinfrei).

Paul Enck

Schreibe einen Kommentar